Informatik, TU Wien

Fake-News und die Macht der Algorithmen

Wie viel „Bias" hat das Web, fragte die bereits fünfte Ausgabe der Vienna Gödel Lecture. Antworten darauf gab der Suchtechnologie-Experte und ehemalige Forschungschef der Yahoo Labs, Ricardo Baeza-Yates.

Wenn wir an der Kassa doch noch schnell zum Schokoriegel greifen, im Online-Shop unseren Wünschen hinterherjagen oder die neuesten News-Videos durchscrollen, überlassen wir nicht dem Zufall freie Hand. Online wie offline entscheiden nämlich andere, was wir sehen und nicht sehen, welche Produkte uns geboten werden und welche Informationen verborgen bleiben. In der Fachsprache heißt das Presentation Bias. Für den Informatiker Ricardo Baeza-Yates ist das nur die Spitze eines Eisberges, den wir beim täglichen Surfen gern übersehen.

Alles eine Sache der Einstellung?

„Bias ist nicht falsch per Definition“, damit leitet der ehemalige Forschungschef der Yahoo Labs seinen Gastvortrag in Wien ein. Es handelt sich dabei auch um keine Erfindung des Internets. Voreingenommenheit, Vorurteile und Befangenheiten gibt es überall, wo Menschen kommunizieren. Wirtschaftlich, kulturell, gender-spezifisch oder demografisch - wir werden tagtäglich mit „biased data“ konfrontiert. Als diesjähriger Sprecher der Vienna Gödel Lecture will Baeza-Yates allerdings Bewusstsein für das Thema schaffen. Das Web als „Spiegel der Gesellschaft“ bringt eine neue Dynamik ins Spiel: Fehlerhafte Daten oder radikale Meinungen verbreiten sich darin rasend schnell. „Fake News können heute in kurzer Zeit die ganze Welt erreichen, während sie früher vielleicht nicht über den Stammtisch hinausgekommen sind“, erklärt Baeza-Yates im Interview mit Futurezone.

Wie platzt die Filterblase?

Derzeit liegt es größtenteils noch an den NutzerInnen selbst, ob sie versuchen, ein möglichst vielfältiges Angebot an Informationen im Web zu konsumieren und Auswege aus der Filterblase finden. Mit seiner Suchtechnologie-Firma NTENT forscht Baeza-Yates derzeit aber auch an technologischen Ansätzen, wie die ein besserer Ausgleich an gegensätzlichen Meinungen hergestellt werden kann. Wie diese Lösungswege aussehen können und welche Rolle Suchmaschinen dabei spielen, erklärt er auch im Gespräch mit FM4

Grundsätzlich unterscheidet der Algorithmus-Experte zwischen Daten-Bias und Prozess-Bias. Während es sich bei ersterem um den menschlichen Einfluss auf Daten handelt, geht es beim Prozess-Bias um systembedingte Fehler. Beispielsweise produzieren Algorithmen neue Daten am laufenden Band. Folgen diese Handlungsvorschriften falschen Annahmen verstärken und verbreiten sie diese umso mehr. 

Was ist schon normal?

Ein weiterer Aspekt ist der sogenannte Activity Bias. Was normal ist, werde in Demokratien meist von Mehrheiten bestimmt. Kurznachrichten-Plattformen wie Twitter würden ein verzerrtes Bild der Mehrheit darstellen, denn nur etwa zwei Prozent aller Accounts würden tatsächlich aktiv tweeten, so Baeza-Yates. Er bezeichnet dies als „Tyrannei der Minderheit“ und appelliert an die passive LeserInnenschaft: „Wenn ihr nicht schreibt, dürft ihr euch nachher auch nicht beschweren“.

Viele Informationsquellen im Internet seien zudem von Männern dominiert. Auf journalistischen Seiten wie auch auf Nachschlagewerken wie Wikipedia würden nach wie vor männliche Mehrheiten entscheiden, welches Wissen weitergegeben wird, kritisiert der Gödel-Sprecher (Stichwort: Gender Bias). Deshalb ruft der er EntwicklerInnen sowie NutzerInnen auf, sich die vielen Arten und Mechanismen der Voreingenommenheit vor Auge zu führen und gemeinsam den „Teufelskreis des Bias“ zu durchbrechen.

Die Lecture wird demnächst auf dem Youtube-Kanal der Fakultät für Informatik zur Verfügung stehen.