Informatik, TU Wien

Die Wissenschaft des Teamsports

Gemeinsame Erfolge in der Vergangenheit erhöhen die Gewinnchancen eines Teams. Das wurde nun mit Beteiligung von Julia Neidhardt (Forschungsbereich E-Commerce, Institut für Information Systems Engineering) in ganz unterschiedlichen Sportarten statistisch nachgewiesen.

Was macht ein erfolgreiches Team aus? Die Frage ist nicht nur fürs Fußballtraining entscheidend, sie spielt in fast allen Lebensbereichen eine Rolle, von der Unternehmensführung bis zur Politik. Dass ein Team nur dann gewinnen kann, wenn die Teammitglieder das nötige Können mitbringen, versteht sich von selbst. Aber darüber hinaus gibt es noch ein weiteres wichtiges Element: Gemeinsame Erfolge in der Vergangenheit erhöhen die Gewinnchance – und zwar auf ähnliche Weise, auf völlig unterschiedlichen Gebieten. 

Ein Forschungsteam von der Northwestern University (Evanston, USA), dem Indian Institute of Management (Udaipur) und der TU Wien konnten dieses Phänomen nun durch Auswertung großer Datenmengen statistisch nachweisen, und zwar in physischen Sportarten wie Fußball, Baseball, Cricket und Basketball, wie auch in E-Sports, untersucht anhand des Multiplayer Online Games „Dota 2“. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht.

Pures Können ist nicht alles

Das Forschungsteam sammelte umfangreiches Datenmaterial über zahlreiche Teams aus mehreren Sportarten. Die Stärke einzelner Spieler wurde mit verschiedenen Parametern quantifiziert – zum Beispiel im Basketball über die Anzahl der erzielten Punkte und der Assists. Die Stärke des Teams lässt sich dann als Durchschnittswert der Stärke der einzelnen Spieler berechnen.

„Damit erhält man einen Wert, mit dem sich das Ergebnis eines Spieles schon einigermaßen gut voraussagen lässt“, sagt Julia Neidhardt vom Forschungsbereich E-Commerce (Institut für Information Systems Engineering, TU Wien). Sie forscht in den Bereichen Team Performance, User Modeling und Recommender Systems – und betrachtet bei diesen Themen die Individuen nicht bloß einzeln, sondern berücksichtigt auch ihre Beziehungen untereinander, zum Beispiel mit Hilfe der sozialen Netzwerkanalyse. „Teams mit besseren Einzelspielern haben natürlich auch eine höhere Chance auf den Sieg – aber das ist eben noch nicht alles“, sagt Neidhardt.

Der Team-Effekt

Die tatsächlichen Ergebnisse der Spiele lassen sich nämlich bei allen untersuchten Sportarten noch besser vorhersagen, wenn man nicht nur die Durchschnittsstärke der Teammitglieder betrachtet, sondern zusätzlich noch berücksichtigt, wie oft sie in der Vergangenheit bereits gemeinsam siegreich waren. Es kommt also nicht nur darauf an, möglichst hochklassige Stars auf das Spielfeld zu bringen, sie müssen auch zu einem Team zusammenwachsen – und das gelingt durch gemeinsame Erfolgserlebnisse.

Gerade im Spitzensport, wo das Können aller beteiligten Profis extrem hoch, spielen individuelle Unterschiede nicht unbedingt die alleinige Hauptrolle. Je ähnlicher die Spielstärke, umso mehr gewinnt die gemeinsame Erfahrung an Bedeutung.

Besonders interessant ist, dass der Effekt in sehr unterschiedlichen Sportarten zu sehen war: Im Fußball oder in der E-Sportart „Dota 2“ sind die Teammitglieder permanent aufeinander angewiesen, bei den meisten Aktionen spielen mehrere Akteure/-innen gleichzeitig eine wichtige Rolle. Im Baseball hingegen sind das Werfen und das Schlagen des Balls Einzelaktionen, auf die der Rest des Teams keinen Einfluss hat. Trotzdem ist der Team-Effekt überall nachzuweisen.

Robustes Ergebnis

Ob dieser Effekt dadurch zustande kommt, dass man durch jahrelanges gemeinsames Training besser aufeinander eingespielt ist und die Aktionen der Teammitglieder besser vorhersehen kann, oder ob es auch eine starke psychologische Komponente gibt und gute Teams einfach emotional stärker zusammengeschweißt sind, lässt sich anhand der statistischen Daten nicht direkt ergründen.

„Man sieht eindeutig, dass bei ähnlichem Leistungsniveau der Teamspieler die Anzahl der gemeinsamen Erfolgserlebnisse eine wichtige statistische Variable ist“, sagt Julia Neidhardt. „Dieser Effekt ist sehr robust, und zwar in ganz unterschiedlichen Sportarten. Das lässt uns vermuten, dass auch in anderen Bereichen, abseits des Sports, ähnliche Effekte auftreten.“

[Presseaussendung 106/2018, 4.12.2018, von Florian Aigner, TU Wien PR]