Informatik, TU Wien

Silicon Wieden: Startup-Szene rund um die TU Wien

Rund um die Technische Universität Wien formieren sich immer mehr junge Hightech-Unternehmen, die mit bahnbrechenden Erfindungen aufzeigen – nicht zuletzt dank der Gründerhilfe der TU Wien.

profil stellt Erfolgsgeschichten aus der Start-up-Szene vor

Von Heinz Wallner

Dank ihrer Forschungsanstrengungen ist die TU in Wien-Wieden klammheimlich auch zu einer Art Nukleus für die unterschiedlichsten heimischen Hightech-Start-up-Unternehmen geworden, die sich in konzentrischen Kreisen rund um ihre Alma Mater ansiedeln. Sie heißen Blue Danube Robotics, CogVis, Lithoz oder Xarion (siehe Unternehmensporträts), elf von ihnen haben sich im Frühjahr 2014 erstmals auf der deutschen Erfinder-Messe „IndustrialGreenTech“ in Hannover Investoren und Fachpublikum präsentiert. „Diese Messepräsenz ist nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen wir Unternehmensgründungen aus unserem Umfeld unterstützen“, sagt Peter Karg, zuständig für den „Research & Transfer Support“ der TU Wien. „Am wichtigsten ist aber wahrscheinlich unser Business-Inkubator INITS.“

INITS, eine mit Fördermitteln aus dem „Academia & Business“-Programm des Wissenschaftsministeriums ausgestattete Tochter der TU und der Wirtschaftsagentur Wien, unterstützt Start-ups bei Gründung, Förderansuchen, steuerlichen und rechtlichen Fragen bis hin zum Angebot günstiger Räumlichkeiten. Seit 2003 hat sie 150 Neugründungen oder Spin-offs unter die Arme gegriffen und damit knapp 1000 neue, hochqualifizierte Jobs generiert. 80 Millionen Euro so orchestrierter öffentlicher Fördergelder haben nach INITS-Angaben zu weiteren 128 Millionen privater Investitionen in diese jungen Hightech-Schmieden geführt.

Das zweite Standbein in Sachen Gründerhilfe stellen die umfassenden Patentierungsaktivitäten der TU Wien dar. Etwa 60 Erfindungsmeldungen gehen von den Instituten pro Jahr beim INITS ein, rund die Hälfte davon werden tatsächlich zum Patent angemeldet, 2013 schafften es 16 durch den strengen Prüfungsraster des Patentamtes. Derzeit verfügt die TU Wien über circa 150 aufrechte Patente, von denen etliche über Lizenzen von den Start-ups genützt werden – seien es nun neue Verfahren für klappbare Brücken, Rotlicht-Bestrahlungssysteme für die Heilung von Entzündungen, intelligente Speicherung von Solar- und Windenergie oder effizientere Wirbelschichtreaktoren. Die Lizenzerträge werden in der Regel zwischen dem Erfinder (35 Prozent), dem jeweiligen Institut (25 Prozent) und der TU selbst (40 Prozent) aufgeteilt und decken grosso modo die Patentkosten ab.
Noch ist die TU Wien, der im Vorjahr angesichts schmerzhafter Budgetsparmaßnahmen beinahe die Zahlungsunfähigkeit drohte, von der Praxis ihres Vorbilds MIT (Massachusetts Institute of Technology), das die Idee des „proof of concept“ durch Unternehmensgründung zur Meisterschaft entwickelt hat, weit entfernt. „Leider ist der kulturelle Unterschied zu den USA hier viel zu groß“, klagt Karg. „Ich würde mir viel mehr von diesem MIT-Geist wünschen.“ Doch mitunter weht dieser Geist bei den Start-ups der TU Wien recht kräftig.

CogVis: Die Durchblicker

Erinnern Sie sich noch an den Roman „Big Brother“, in dem George Orwell eine Welt der totalen Überwachung zeichnet? Michael Brandstötter (40) und Martin Kampel (46), die Eigentümer des bereits 2007 von ihnen gegründeten Wiener Start-ups „CogVis“ – das Kürzel steht für Cognitive Vision –, kennen ihn jedenfalls sehr gut, denn Überwachung ist ihr Geschäft. „Unsere Produkte analysieren, detektieren, erkennen, sortieren und überprüfen digitale Bilder“, sagt Geschäftsführer Brandstötter. „Von Video über Stills bis zu 3D-Darstellungen.“ Cheftechnologe Kampel ergänzt: „Aber dieser Big-Brother-Hokuspokus hat mit unserer Arbeit absolut gar nichts zu tun. Unsere Systeme konzentrieren sich vielmehr darauf, eine Schneeflocke von einer Katze oder einem Menschen zu unterscheiden.“
Dennoch zählt die Bilderkennungs-Software des Sieben-Mann-Betriebs zum Feinsten am Markt und ist ein Paradebeispiel für den Einsatz von Artificial Intelligence. Denn was das menschliche Auge auf Anhieb erkennen und einordnen kann, muss der Computer oft erst in Abermillionen von Einzelschritten lernen, selbst wenn das von der Kamera aufgenommene Bild gestochen scharf ist. Es gibt tausende Arten, wie eine Katze aussehen kann, eine Wolke, eine Schneeflocke, selbst ein Schatten ist in der Lage, das System völlig durcheinander zu bringen. „Unsere Software und Rechner schaffen es aber, die Inhalte von Bildern zu erkennen“, so Brandstötter.
Das Hauptprodukt von CogVis ist Video-Analyse-Software, die über Gebäude- oder Anlagenausrüster wie etwa Siemens oder Kapsch vertrieben werden. Das sind Minirechner in der Größe von Zigarettenschachteln, die direkt an die Kameras angebracht werden. Sie erkennen dank ihrer Vorprogrammierung Abweichungen von Standardsituationen – zum Beispiel, ob jemand stürzt, ob zu einer unüblichen Zeit Personen an- oder abwesend sind oder bestimmte Geräte nicht das tun, was sie sollten. Diese Signale werden an einen Server geschickt, der sie analysiert, einordnet und im Ernstfall Alarm schlägt.

Zum Einsatz kommen solche CogVis-Systeme etwa am WU-Campus beim Prater, bald auch am Erste-Bank-Areal beim neuen Wiener Hauptbahnhof oder bei einigen großen Solarparks in Rumänien und Bulgarien. Auf Wunsch ist die Software auch in der Lage, die digitalen Bilder zu anonymisieren, also Gesichter zu pixeln – wie beispielsweise in der neuen Wiener In-Disco „Bettelalm“, wo es nicht um Gesichtserkennung geht, sondern darum, ob die Bude überfüllt ist oder nicht.

Mindestens ebenso wichtig ist den CogVis-Tüftlern jedoch das breite Einsatzgebiet ihrer Technologie etwa in Krankenhäusern oder in der Altenbetreuung. Hier setzen sie auch auf 3D-Sensoren, die zwar keine exakten Bilder, aber ausreichend Werte liefern, um zu erkennen, ob jemand zu Fall gekommen ist oder verzweifelt nach Hilfe gestikuliert. Solche Systeme sind bereits in einem deutschen Pflegeheim sowie in Kooperation mit dem Samariterbund in einer Wiener Senioren-WG eingerichtet. Und mit einem Installationspreis von etwa 70 Euro und monatlichen Mietgebühren von etwa 25 Euro auch für private Haushalte erschwinglich. Denn das „kostet nicht mehr als ein Kabel-TV-Anschluss“.